
Anseilen auf dem Gletscher: Technik, Abstand und Ausrüstung
Geschrieben von Victor Michel — Geschichtsbegeisterter und leidenschaftlicher Alpinist, wohnhaft in Chamonix. Veröffentlicht am 22. Juli 2026
Beim Anseilen auf dem Gletscher werden die Mitglieder einer Seilschaft durch ein straffes Seil verbunden, im Abstand von 10 bis 15 m je nach Seilschaftsgröße, um den Sturz eines Teammitglieds in eine durch eine Schneebrücke verdeckte Gletscherspalte aufzufangen. Achterknoten an den Enden, Schmetterlingsknoten oder Prusikschlinge in der Mitte, Rettungsausrüstung (Eisschrauben, Rolle, Reepschnur) stets griffbereit.
Das Wichtigste
- Abstand: 10 bis 15 m je nach Seilschaftsgröße — laut ENSA etwa 12 bis 15 m bei einer Zweierseilschaft, eher 10 m bei einer Dreierseilschaft
- Knoten: Achterknoten an den Seilenden, Schmetterlingsknoten oder eine an einem Prusikknoten befestigte Schlinge für Zwischenpositionen
- Für Seilschaften ohne Bergführer wird meist eine Dreierseilschaft empfohlen: mehr Hände, um einen Sturz zu halten und die Rettung durchzuführen
- Mindestausrüstung zur Selbstrettung pro Person: 2 Eisschrauben, eine Rolle, eine Reepschnur mit Prusikknoten (nie aus Dyneema)
- Auf dieser Website bereits empfohlenes Seil: 30-50 m (8-9 mm) für die Goûter-Route, 50-60 m für die Trois-Monts-Überschreitung
Warum man sich auf einem Gletscher anseilt
Ein zerklüfteter Gletscher verbirgt teils tiefe Spalten, die von brüchigen, oft mit bloßem Auge unsichtbaren Schneebrücken bedeckt sind. Unter Hitzeeinwirkung kann eine am frühen Morgen noch feste Brücke laut Objectif Alpinisme innerhalb weniger Stunden nachgeben und unter dem Gewicht eines Alpinisten einbrechen. Ein weiteres, ebenso reales Risiko dort, wo keine Spalten sichtbar sind, ist das Ausrutschen — ohne natürlichen Fixpunkt wie am Fels kann nur die Seilschaft den Sturz eines Teammitglieds stoppen, bevor er sich beschleunigt. Eine von allen Bergsteigerschulen und Bergführern geteilte Regel: nie unangeseilt auf einem Gletscher unterwegs sein.
Seilschaft zu 2, 3 oder 4: welche Konfiguration wählen
Die Anzahl der Seilschaftsmitglieder bestimmt sowohl das Tempo als auch die Fähigkeit, ein in eine Spalte gestürztes Mitglied zu halten und zu retten. Bergführer sind sich über den Kompromiss einig: Je mehr Mitglieder am Seil, desto sicherer bei einem Sturz, aber desto langsamer die Fortbewegung, besonders in technischem Gelände.
| Konfiguration | Vorteile | Nachteile | Typischer Abstand |
|---|---|---|---|
| Zweierseilschaft | Schnell, einfach anzuseilen, Seillänge leicht anpassbar | Nur ein Partner, um einen Sturz zu halten und die Selbstrettung durchzuführen | ≈ 12-15 m |
| Dreierseilschaft | Mehr Hände, um einen Sturz zu halten und die Rettung durchzuführen | Langsamere Fortbewegung, längere Manöver in technischem Gelände | ≈ 10-15 m |
| Viererseilschaft | Sicherer als zwei unabhängige Zweierseilschaften auf stark zerklüftetem Gletscher | Komplexere Koordination, langsamste Konfiguration | ≈ 10-12 m |
| Steiles Gelände (Ausrutschrisiko) | Sofortige Reaktion, weniger Seil zu handhaben | Geringerer Spielraum, falls dennoch eine Spalte auftaucht | 1-2 m (kurzes Anseilen) |
Die Zweierseilschaft ist bei Bergführer-Gast-Konstellationen am häufigsten, wobei der Bergführer Flaschenzug- und Selbstrettungstechnik beherrscht; unter Amateuren ohne Bergführer wird wegen der zusätzlichen Sicherheitsmarge meist eine Dreierseilschaft empfohlen.
Schritt-für-Schritt-Technik: Anseilen auf dem Gletscher
Typischer Ablauf des Anseilens vor dem Betreten eines zerklüfteten Gletschers, anzupassen an Seilschaftsgröße und Gelände.
- 1
Das passende Seil wählen
Ein Einfachseil von 30 bis 50 m (Durchmesser 8 bis 9 mm) genügt für die Goûter-Route; für die Trois-Monts-Überschreitung wird ein Seil von 50 bis 60 m empfohlen, insbesondere für den 50-m-Abseiler am Col du Mont Maudit.
- 2
Die Enden verknoten
Jeder Kletterer an den Seilenden seilt sich mit einem Achterknoten direkt an seinem Klettergurt an.
- 3
Zwischenpositionen anseilen
Bei einer Drei- oder Viererseilschaft seilt sich die mittlere Person (oder die mittleren Personen) mit einem Schmetterlingsknoten an, oder über eine an einem Prusikknoten (geflochtene Reepschnur) befestigte Schlinge am Seil — in der Länge leichter verstellbar.
- 4
Den Abstand einstellen
Rechnen Sie je nach Konfiguration und Gelände mit 10 bis 15 m zwischen den Mitgliedern: mehr auf flachem, stark zerklüftetem Gletscher, deutlich weniger in steilem Gelände.
- 5
Das Seil straff halten
Das Seil muss durchgehend straff bleiben, ohne übermäßigen Durchhang, um einen Sturz sofort zu stoppen — dabei aber geschmeidig genug, um ein Teammitglied auf unebenem Gelände nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen.
- 6
Rettungsausrüstung griffbereit tragen
Eisschrauben, Rolle und Prusikschnur sollten am Klettergurt griffbereit bleiben, nie im Rucksack vergraben.
- 7
Die Technik in steilem Gelände anpassen
Übersteigt das Ausrutschrisiko das Spaltensturzrisiko, verkürzen Sie den Seilabstand auf 1-2 m (kurzes Anseilen), um sofort auf ein Ungleichgewicht reagieren zu können.
Rettungsausrüstung für einen Spaltensturz
Stürzt ein Teammitglied in eine Spalte, muss die Seilschaft einen Flaschenzug (Mouflage) aufbauen können, um es zu bergen — bei Bedarf bis zum Eintreffen der PGHM-Bergrettung. Von Bergführern empfohlene Mindestausrüstung pro Person:
- Zwei Eisschrauben für einen Standplatz im festen Eis
- Eine Rolle (Typ Micro-Traction) für den Flaschenzug
- Eine Reepschnur mit Prusikknoten (Prusik oder Machard) — nie aus Dyneema, das nicht ausreichend am Seil greift
- Zwei 120-cm-Schlingen mit Schraubkarabinern
- Ein mechanischer Steigklemmer (Typ Tibloc oder Ropeman) zur Selbstrettung
Diese Ausrüstung ersetzt keine Ausbildung: Flaschenzug- und Selbstrettungsmanöver werden in einem betreuten Kurs (ENSA, Bergführerbüros) erlernt, bevor man sie eigenständig anwendet.
Häufige Fehler
- Durchhang im Seil auf flachem Gletscher lassen, in der Annahme, Rucke abzufedern
- Auf steilem Gelände denselben Abstand wie auf flachem Terrain beibehalten, obwohl sich das Risiko von der Spalte zum Ausrutschen verlagert
- Als Zweierseilschaft ohne Erfahrung oder Beherrschung des Flaschenzugs aufbrechen
- Keine Rettungsausrüstung mitführen, in der Annahme, eine andere Seilschaft oder die PGHM werde eingreifen
- Eine Dyneema-Schlinge als Prusikknoten verwenden — sie greift nicht ausreichend am Seil
Quellen und Ressourcen



Weiterlesen
- → Überschreitung der Trois Monts: Gletscher du Géant und Anseilpflicht
- → Goûter-Route: die komplette Route zum Gipfel
- → Sicherheit im Hochgebirge: Risiken und Prävention
- → Alpinismus-Ausrüstung: die vollständige Liste
- → Glossar des Alpinismus: alle Fachbegriffe
- → Sich auf die Mont-Blanc-Besteigung vorbereiten
FAQ
Warum muss man sich auf einem Gletscher anseilen?
Gletscherspalten sind manchmal von brüchigen, unsichtbaren Schneebrücken bedeckt, die bei Hitze nachgeben. Das Anseilen ermöglicht es der Seilschaft, den Sturz eines Mitglieds aufzufangen — auf einem Gletscher nie ohne Seil unterwegs sein.
Welcher Abstand sollte zwischen den Mitgliedern einer Seilschaft auf dem Gletscher liegen?
In der Regel 10 bis 15 m je nach Seilschaftsgröße: etwa 12 bis 15 m bei einer Zweierseilschaft laut ENSA, eher 10 m bei einer Dreierseilschaft, und nur 1 bis 2 m in steilem Gelände, wo das Ausrutschrisiko überwiegt.
Zweier- oder Dreierseilschaft: was wählt man ohne Bergführer?
Ohne Bergführer wird meist eine Dreierseilschaft empfohlen: mehr Hände, um einen Sturz zu halten und die Rettung durchzuführen, auch wenn die Fortbewegung langsamer ist als zu zweit.
Welchen Knoten verwendet man zum Anseilen auf dem Gletscher?
Einen Achterknoten an beiden Seilenden; Personen in Zwischenposition (Dreierseilschaft oder mehr) seilen sich mit einem Schmetterlingsknoten oder einer an einem Prusikknoten befestigten Schlinge an.
Welche Ausrüstung braucht man zur Selbstrettung bei einem Spaltensturz?
Mindestens zwei Eisschrauben, eine Rolle für den Flaschenzug, eine Reepschnur mit Prusikknoten (nie aus Dyneema) und zwei 120-cm-Schlingen pro Person, laut Bergführern.
Wie geht man mit Seildurchhang auf einem Gletscher um?
Das Seil muss durchgehend straff bleiben, um einen Sturz sofort zu stoppen, dabei aber geschmeidig genug, um ein Teammitglied auf unebenem Gelände nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Wie viele Meter Seil braucht man für die Mont-Blanc-Besteigung?
Ein Einfachseil von 30 bis 50 m (8-9 mm) genügt für die Goûter-Route; für die Trois-Monts-Überschreitung wird ein Seil von 50 bis 60 m empfohlen, insbesondere für den 50-m-Abseiler am Col du Mont Maudit.
Gibt es eine Ausbildung, um das Anseilen auf dem Gletscher vor dem Mont Blanc zu lernen?
Ja: Die ENSA und mehrere Bergführerbüros bieten Kurse zur Seilschaftstechnik und Spaltenrettung an — eine empfohlene Voraussetzung vor jedem eigenständigen Versuch.